Der Weg ist der Weg oder Eine Reise in die Berge (2009-10-19)

21.10.2009 14:49 von /cbx, derzeit 0.58723 Kommentare

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Es beginnt chinesisch. Wir hätten um 6:00 Uhr aufbrechen sollen – schon um 10:30 stehen wir mit etlichen Rucksäcken und Koffern in der U-Bahn um zum Treffpunkt leicht außerhalb des Zentrums zu fahren. Dort wartet (keiner weiß wie lange schon) der Brautvater mit einem großen extra dafür gemieteten IVECO-Bus auf uns. Wir verstauen unser Zeug und freuen uns, dass es doch so geräumig zugeht. Wir freuen uns so lange, bis wir im Elternhaus eintreffen. Dort wird eine nicht enden wollende Lawine von Lebensmitteln herbeigeschafft und verstaut und ich frage mich in anbetracht der Menge ob es nicht vielleicht doch bis nach Nepal geht.

Irgendwann sind dann Gepäck, Utensilien, Verpflegung und Hund Hami (nein, der gehört nicht zur Verpflegung) verstaut. Und jetzt, als die Fahrt los geht, wird mir auch sofort klar, warum der Bus so groß sein muss. Kaum drehen sich die Räder, springen alle (Chinesinnen, also Braut und Brautmutter) auf und beginnen, herumlaufend Frühstück zu verteilen. Was als nette gastfreundliche Geste gemeint ist, mutiert zur modern choreografierten Tortenschlacht, da wir immer noch durch die (teils auch sehr holprigen) Straßenschluchten Shanghais kurven.

Wenn ich beim Schreiben der obigen Zeilen schon gewusst hätte, dass sich diese Aktion (das Herumkurven ohne Vorwärtskommen) über 5 Stunden erstrecken wird, hätte ich das wohl etwas anders formuliert. Die Hauptstraßen hier können zwar als Referenzmodell jeder europäischen Straße gelten (von solchen Autobahnen auch nur zu träumen, wird in Deutschland vermutlich demnächst auch verboten), die Beschilderung (insbesondere zu Sehenswürdigkeiten) ist aber teilweise recht eigenwillig. Dies, in Verbindung mit der natürlichen Abneigung der Chinesen gegen Landkarten (wahrscheinlich zu wenig Harmonie) führt dazu, dass wir in länglichen Iterationen unseren geplante Zwischenstopp umkreisen, schlußendlich aber nicht konvergieren. Nach eben diesen 5 (in Worten FÜNF) Stunden wird die Suche dann abgebrochen und wir begeben uns eilends zum Berg Huangshang.


[Papa, Hami und der Bus bei einer der vielen Pipipausen]

Sich eilends zu begeben muss mitin jedoch kein schneller Vorgang sein. Die Fahrt von rund 400 km wird durch hunderte Mautstationen (aha, daher der gute Straßenzustand) und die zunehmend gebirgige Topologie (mit Steigungen und etlichen Tunnels) sowie Tempo 80 Limits nicht eben verkürzt. Nach zwei Dritteln des Weges übernimmt illegalerweise unser Kapitän zur See das Steuerrad und lässt sofort den Asphalt glühen (125km/h!). Auf den hervorragend ausgebauten chinesischen Autobahnen gibt es übrigens so gut wie keine Raststationen – die Chinesin an sich muss mit einer Edelstahlblase gesegnet sein – unsere Frauen (OK, auch wir Männer) aber nicht. Gegen 19:30 gelangen wir endlich in ein winziges Bergdorf (20000 Einwohner) am Fuße des Berges Huangshang, wo bereits eine Herberge mit reservierten Zimmern auf uns wartet. Die Herberge im Dorf erweist sich als Hotel mitten im Neonglitzer einer Touristenmeile, wobei das Hotel immerhin viele Zeichen ehemaliger Vornehmheit zeigt.

Die zu diesem Zeitpunkt bereits arg strapazierten Nerven aller Beteiligten lassen nur mehr wenig Handlungsspielraum, sodass die Brauteltern präzise reagieren, das Heft in die Hand nehmen, uns sammeln und zum Abendessen vergattern. Die Mutter bestellt für uns alle etliche lokale Köstlichkeiten, der Vater schafft Wein an und allein die Freude, einen weiteren Tag nicht verhungern zu müssen vertreibt die meiste Anspannung im Nu.

Der Sonnenaufgang auf den Huangshang soll der schönste in ganz China sein, weshalb wahnwitzige Mengen von Touristen ihn unbedingt sehen wollen. Sonnenaufgang? Im Hotel gibt es Frühstück von halb sechs bis halb neun. Halb sechs – das ist 5:30! OMG.

Wir beschließen, uns um 7:30 zum Frühstück treffen und verschwinden schnell in unseren Zimmern.

/cbx, Kategorie: Die China-Tagebücher -

 

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