Wie viel sind 1800 Meter in China? (2009-10-20)

21.10.2009 16:40 von /cbx, derzeit 0.61809 Kommentare

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Der höchste Berg den wir heute erklimmen wollen ist “nur” ca. 1800 Meter hoch. Für einen Tiroler klingt das natürlich nach einem Volksschulausflug der Rollstuhfahrer. Tirol aber ist nicht überall. Doch dazu gleich.

Wir treffen uns wirklich um 07:30 zum Frühstück und erleben unsere erste freudige Überraschung. Die Segnungen eines continental breakfast haben sich noch nicht bis hier herumgesprochen. Am reichhaltigen Frühstücksbuffet besteht die Wahl zwischen chinesischem Frühstück oder Fasten. Das chinesische Frühstück wartet mit Gaumenfreuden wie Reisschleim, gebratenem Reis, Suppe, Bao tsi (kleine Germknödel mit süßer Bohnenfüllung), Sojaeiern, Tsun tsi (Reis und Hackfleisch im Bambusblatt), “Kuchen” und “Milch” auf. Die finalen Begeisterungsstürme entfacht das völlige Fehlen von Getränken wie Tee, O-Saft oder gar “Kaffee”. Nach einer derartigen “Stärkung” schleift die Stimmung schon mal am Boden. Dort sollte sie dann auch bleiben.


[Ein ziemlich schöner Baum]

Wir wollen für 13 Yüan pro Nase den Shuttlebus zum Eingang des Nationalparks nehmen, was eigentlich eine vernünftige Idee zu sein scheint. Doch wir haben die Rechnung ohne die Chinesen gemacht. Der Bus fahre nur wenn er ganz voll sei, wird uns gesagt, und bei unserem Eintreffen sei der Bus gerade erst gefahren. Nun sei unklar, wie lange es dauert, bis um diese späte Zeit noch genügend Leute für einen Bus zusammen kämen. Wo das Problem liegt? Man sagt und das wohlweislich nachdem wir die Tickets gekauft haben. Wir denken daran umzukehren.

Mit gerechtem teutonischenn Zorn wollen wir unser Geld zurück. Das sei keine gute Idee, sagt man uns, unter zwei Stunden Fußmarsch der Eingang nicht zu erreichen und überhaupt gäbe es dort auch nie Parkplätze. Nach längeren Diskussionen bekommen wir unser Geld (abzüglich 10% Verarschungsgebühr) dann doch zurück und fahren mit unserem eigenen Bus in knapp 3 Minuten zum kostenlosen Parkplatz am Eingang. Der “Eingang” ist allerdings weit vom “Gate” entfernt. Nun geht das Bus-Spiel von vorne los und mit jeder Horrorgeschichte wird der Weg zum Gate länger, steigert sich bis auf 50km. Im Endeffekt nehmen wir zwei Taxis, die uns für 50 Yüan pro Taxi die rund 10km zum “Gate” bringen. Da die Straße gerade umfangreich saniert wird, dürfen wir dann den letzten km vorbei an ohrenbetäubend brüllenden und stinkenden Generatoren und Kompressoren zu Fuß gehen. Wir denken daran umzukehren.


[Eine steile und glatte Felswand]

Ausgestanden? Mitnichten. Wir wollen mit der Doppelmayr 6er-Gondelbahn bis zur ersten Bergstation hochfahren, dann den nächsten Gipfel auf 1800m mitnehmen und zu Fuß wieder zur Talstation gehen. Daheim in Tirol wäre das in jeder Hinsicht ein einfacher Ausflug für die ganze Familie (inklusive Kinderwagen). Dort sind wir aber nicht.

Amerika hat sein Disneyworld, Deutschland hat Legoland und Tripstrill, China hat den Huangshang Nationalpark. Für alle diese Attraktionen muß man zwischen 20 und 30€ Eintritt berappen. Der Huangshang Nationalpark kostet 230 Yüan, also 23 Euro plus 80 Yüan für die Bergfahrt mit der Gondelbahn. Zur Abrundung des Bildes ist schon der Platz vor dem Gate (trotz der späten Stunde noch immer) überschwemmt mit Gruppen, angeführt von megaphonbrüllenden Fahnenschwenkern. Um die Stimmung jetzt zu finden, müsste man schon ein sehr tiefes Loch graben. Wir denken daran umzukehren.


[Einsame Wanderwege durch unberührte Natur]

Vor die Gondelbahnfahrt haben die Götter des montanen Tourismus aber noch eine längliche Wanderung von ca. 1.5km über steil ansteigende Treppenstufen gesetzt. Einige Nordlichter beginnen etwas zu flackern, die Brautmutter setzt eine würdevoll mißbilligende Miene auf. Wir denken daran umzukehren.


[Diese Treppen sind steil]

Die Wartestrecke vor der Gondelbahn ist aber leer, die Schilder “waiting time from here only 2 hours” (→Disneyworld) werden nicht gebraucht, sodass wir nach knapp 10 Minuten in einer Gondel sitzen. Und der Ausblick entschädigt für alle biserigen Mühen. Das Panorama ist atemberaubend und wer sich nicht zitternd an die Sitzlehne krallt erhascht einen ersten Blick auf eine völlig ungewohnte Berglandschaft. Die Berge hier sind (obwohl chinesisch) aus extrem haltbarem und robustem Granit (die müssen sich hier her verirrt haben) der so ganz anders erodiert als unsere europäischen Alpen. So entstehen hier über die Jahrtausende extrem steile und extrem glattwandige Berge mit wahnsinnigen Schluchten dazwischen, ein Design, das sich kein Disneyworld-Designer in Polyurethan zu gießen trauen würde weil es so unecht wirkt.


[Noch steiler wäre überhängend]

An der Bergstation angekommen sind die Millonen Chinesen mit ihren megaphonbrüllenden Fahnenschwenkern wieder da und wir denken daran umzukehren. Dann werden, nach längeren Diskussionen, wieder einige Höhenmeter in Angriff genommen, alle über steile, breite betonierte Treppenstufen. Als wir nach knapp 10 Minuten an einem weiteren großen betonierten Platz ankommen, der mit Chinesen mit ihren megaphonbrüllenden Fahnenschwenkern gefüllt ist, die artig Schlange stehen um sich vor einem weltweit ganz ganz besonders schönen Baum fotografieren zu lassen, geht bei den meisten Nordlichtern und Chinesen das Licht aus. Sie kehren um. Es verbleiben Nordlicht Junior für Deutschland, die Braut (auch als “Die Vorleserin”) für China und die zwei Ösis.


[Eine kurze Steintreppe]

Tapfer schlagen wir uns weiter durch, bis uns schon nach rund 15 Minuten die dröhnende Stille klarmacht, dass wir die Wege des Masentourismus hinter uns gelassen haben. Und dann ist es wunder-wunderschön. Zumindestens landschaftlich. Der Weg hingegen ist der Vorhof zur Hölle – der Chinese kennt keine Gnade. Auf den Weg zum Gipfel machen wir locker -400 und dann +600 Höhenmeter. Das wäre jetzt nix so besonderes, wenn sich diese Höhenmeter nicht ausschließlich auf in den Granit gehauenen Steintreppen zwischen 30° und 80° Steigung abspielen würden. Erhebliche Teile dieser Treppen sind nur auf allen Vieren zu schaffen. Dafür schafft man aber auch schnell viele Höhenmeter. Trotz dauernder “Fotografier”-pausen sind wir nach knapp 2 Stunden am Gipfel. Und entsprechend stolz. Wir denken nicht mal daran umzukehren.


[Eine Gratwanderung]

Vielleicht war das ein Fehler. Vorerst sind wir von der aberwitzigen Schönheit der Umgebung so gefangen, dass wir nicht weiter über den Abstieg ins Tal nachdenken. Die hunderte Fotos die wir schiessen können dieses Erlebnis nicht annähernd erfassen. Auch beim Abstieg überwiegt zuerst die Begeisterung über die wahnwitzige Wegführung mit ihren surrealen Panoramen, fast senkrecht abfallenden Treppen, Tunneln und engen Schluchten in denen mein Rucksack an beiden Seiten streift (“Rainer Calmund Gedächtnisweg”). Doch nach der ersten Stunde Abstieg verliert der Weg seinen spektakulären Neuheitswert, die Muskeln signalisieren, dass sie jetzt schon das Normalpensum bis Oktober 2014 ausgeschöpft haben und es beginnt zu nerven, dass so viele Treppenstufen gerade mal halb so tief sind wie ein europäischer Fuß lang, sodass man nur quer drauftreten kann. Es ist weiterhin kein “normaler” Weg in Sicht und unsere Hoffnungen schwinden, das Tal vor Sonnenuntergang zu erreichen. Die Treppen bremsen abwärts viel mehr als aufwärts. Wir hätten doch besser umkehren sollen.

Die Stimmung beginnt schon zu sinken, da hören wir von entgegenkommenden Treppensteigern, dass es in wenigen Metern einen Tempel geben soll, der die Hälfe des Weges markiert und wo es Verpflegung und WC geben soll. Diese Auskunft verbessert die Stimmung deutlich und schon nach einer weiteren guten halben Stunde haben wir die “wenigen Meter” zurückgelegt und erreichen den Tempel.


[Gipfelsieg]

Dort gibt es Äpfel, Cola, Red Bull und die Gewissheit, der Zivillisation wieder näher zu kommen. Von unten kann man schon wieder leise die Megaphone krächzen hören und die Schar der Wanderer nimmt auch wieder zu. Viele sind inzwischen fußlahm und quälen sich humpelnd über die nicht enden wollende Unzahl der Treppenstufen. Eine halbe Stunde später tauchen auch wieder die ersten Träger auf, die einen für einen moderaten Preis (150 Yüan für 2.5km) auf einem Stuhl zwischen lagen Bambusstangen zu zweit hinunter tragen. Auf unsere Frage, wie weit es noch nach unten sei, antwortet einer, es seien noch fast zwei Stunden. Eine knappe halbe Stunde später (und tiefer) sind es dann schon mindestens drei Stunden. An diesem Punkt tun die Knie schon ernsthaft weh und wir freuen uns über diese Auskunft, weil sie besagt, dass es nicht mehr weit sein kann. Rund 20 Minuten später stehen wir am Exit-Gate, kurz darauf auf dem (nicht benutzbaren →Baustelle) oberen Parkplatz.

Von dort geht eine knapp 1/2km lange steile Treppe zur Bushaltestelle. Wir bevorzugen den treppenlosen Weg über die Straße, den die Übersichtskarte mit gut 1km angibt. Ein Arbeiter will uns zurück auf die Treppe jagen, das sei der “richtige” und “bessere” Weg und überhaupt, über die Straße wären es mindestens 2 Stunden bis zur Bushaltestelle. Erfreut über diese gute Nachricht beschleunigen wir den Schritt, sehen belustigt, dass einige Fußkranke sich anschicken uns zu folgen und nach gut 10 Minuten sitzen wir schon im Bus, der sich schnell mit Lahmen und Ächzenden füllt und uns schließlich für wenig Geld bis fast vor die Haustür bringt. Der Stolz in unseren Herzen (und Gesichtern) ist ehrlich erarbeitet.

Im Hotel hat die Mutter, während sich der Rest der Gang in einer Therme von hinten bis vorne wellnessen ließ, inzwischen eine eigene Speisenfolge arrangiert, nach einer Katzenwäsche sitzen wir schon beim Essen und es schmeckt einfach unglaublich gut. Direkt im Anschluß fallen wir in die Betten (OK, ich schreib’ das hier noch “schnell” auf). Wir lernen:

Der Zusammenhang von Weg und Zeit ist in China eine transzendente Funktion

/cbx, Kategorie: Die China-Tagebücher -

 

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