Ein Dorf als 24/7 Live-Tirolerabend: Hong Cun (2009-10-21)

21.10.2009 16:42 von /cbx, derzeit 0.32082 Kommentare

Send to Kindle

Auf dem Rückweg nach Hangzhou wollen wir uns noch das idyllische historische Dorf Hon Cun ansehen. Ich rechne mit einer weiteren versmogten Großstadt mit angeschlossener 3-Gassen Touristenausnehmungsstraße, ähnlich Shozou. Aber noch sind wir nicht dort.

Der Urlaubstag beginnt angenehm entspannt mit Wecken um 6:50 (Freude: 20 Minuten länger schlafen als gestern) und Frühstück um 8:00. Weniger entspannt sind unsere Muskeln und die vier Wanderer präsentieren sich wie die Ausstellungsstücke vom letzten Geriatriekongress. Das Frühstück hingegen gewinnt deutlich, wenn man mit der richtigen Einstellung (und dem richtigen Hunger) hin geht. Heute gönne ich mir heiße Milch mit Zucker (ja, auch Chinesen trinken das) und einige Tsun tsi. Dann den völlig geschmacksfreien Reisschleim, bis mir “Papa” rät, um Gottes willen doch etwas von den würzigen Beilagen hinein zu tun. Ich wähle Erdnüsse und unfassbar scharfes Gemüse dann schmeckt es nach “etwas”. Zum Schluss gibt es noch zwei Bao tsi und der Tag kann beginnen.

Wir fahren fast ohne Umschweife direkt hin, müssen aber noch schnell die Ansichtskarten von Nordlicht Junior aufgeben. Dieser altkaiserliche Verwaltungsakt nimmt kaum 15 Minuten längerer Diskussionen in Anspruch, “Germany” muss erst noch in saubere Schriftzeichen transskribiert werden, woraufhin die Karten mit Handtellergroßen Zertifikaten frankiert (Nordlicht Junior mault, jetzt könne man ja seine Texte gar nicht mehr lesen) und abgeschickt werden. Dann nehmen wir die Landstraße nach Hong Cun.


[Das malerische Hon Cun]

Ich nehme mal die Spannung raus und schreibe gleich dass “Papa” uns fehlerlos dort hin gebracht hart. Das wirklich bemerkenswerte an der Fahrt waren die unglaublich schönen Berglandschaften durch die sich breite, makellose Straßen winden. Im Vergleich dazu ist selbst die Schwarzwaldhochstraße fast ein Schotterweg durch eine Schrebergartensiedlung. Schade, dass man durch die landestypisch stark verdunkelten Scheiben des Busses nicht alles sehen und nichts fotografieren kann. Dann, nach gut 40 Minuten sind wir da und der gewaltige Parkplatz lässt nichts Gutes ahnen.


[Ein Bewohner von Hon Cun]

Wir zahlen das Eintrittsgeld (hat hier irgendwer “Beutelschneider” gerufen?) für die Altstadt und werden angenehm überrascht. Man stelle sich eine toskanische Stadt wie San Gimignano vor, nur auf chinesisch. OK, nicht alles was hinkt ist ein Vergleich. Ich kaufe dem Ortsbild, der Erscheinung (und besonders den Gerüchen) ab, dass dies wirklich eine alte Stadt mit alter Substanz ist und dass sie auch wirklich noch von Menschen bewohnt wird, die keine Mitarbeiter des Staatlichen Amtes für chinesische Tirolerabende sind. Es gib enge Gässchen, alle durchzogen von Kanälen durch die der lokale Fluss fließt. In diesen Kanälen wird dann auch gewaschen (Gesicht, Geschirr, Gemüse und was noch). Ich beschließe, hier besser nix zu essen, was nicht lange gekocht wurde (Bekanntlich wird hier aber sogar der Salat gekocht, insofern also Entwarnung).


[Gemüsehygiene auf chinesisch]

Die amtlichen Durchführungsbestimmungen für den Besuch der Stadt verbieten ausdrücklich das Beschmutzen der historischen Stätten mit Malfarbe. Der Sinn dieser Bestimmung (so was gibt’s gelegentlich) wird augenblicklich klar, wenn man den Teich überschreitet und die Stadt betritt. Wortwörtlich in jeder freien Ecke in der ganzen – nicht gerade kleinen – Altstadt sitzen ganze Gruppen von jungen Menschen, die angestrengt auf die Architektur starren – und etwas ganz anderes malen oder zeichnen.


[Das malerreiche Hon Cun]

Hinter den Toren der Gässchen tun sich immer wieder herrschaftliche Häuser auf, herrlich gearbeitete Holzhäuser mit wunderbar organisch geformten und aufwändig geschnitzten Balken. Jedes Haus hat mehrere schattige Innenhöfe, im heißen Sommer (ach ja, hier hat es jetzt gerade um die 26 Grad) sicher eine geniale Sache, im Winter (hier gibt es Schnee!) muss es einfach nur arschkalt gewesen sein. Diese Häuser werden natürlich nicht mehr bewohnt sondern beherbergen nun nur noch Souveniergeschäfte. Bis Mittag schlendern wir entspannt durch die Gassen, bis wir an einem Hotel vorbei kommen, das auch als Unterkunft in die Wahl gekommen war.


[Der Garten des Hotels in Hon Cun]

Dort gibt es dann auch – wie gewohnt unter der Ägide von “Mama” ein köstliches lokales Mittagessen in einem (chinesisch betrachtet) absolut herrlichen Garten. Wir sitzen sehr lange und schlendern dann gemütlich in mehreren (unfreiwilligen) Schleifen durch die verwinkelten Gassen zurück zum Auto. Dann treten wir die Fahrt nach Hangzhou an.


[Holzarchitektur mit Tragphallen]

Das war China ganz historisch – eine nette Abwechslung nach Shanghai.

/cbx, Kategorie: Die China-Tagebücher -

 

Kommentare (anyone?)

Kommentarfunktion für diesen Artikel geschlossen.