Ich arbeite an meiner Lesekompetenz...

27.08.2011 13:47 von /cbx, derzeit 0.42592 Kommentare

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…weil mir das als Reaktion auf meine Forenkommentare immer wieder mal dringend geraten wird. Im Zuge dessen habe ich in den letzten Wochen dann gleich zwei Bücher eifrig umgeblättert und in den Pausen dazwischen auch heftig mit den Augen gewackelt, womit ich eine annähernd perfekte Simulation der aussterbenden Tätigkeit des Lesens gegeben habe. Weil das allein aber nicht halb so sexy ist wie der Arsch von Kathy Kelly auf der Alm (ich bin ja sooo ein Fan dieses Meisterstücks deutscher TV-Kreativität), musste ein bissl Kontrastpfeffer in die Suppe:

Ein Buch ist englisch, eines deutsch, das eine ist der Bestseller (bzw. dessen Fortsetzung) von Levitt & Dubner mit dem Namen “Super Freakonomics”, das andere ein – naja, eher kein Bestseller von Schenk & Moser mit dem Titel “Es reicht! Für alle! Wege aus der Armut”. Inhaltlich könnten die Bücher auf den ersten Blick nicht weiter divergieren. Auf der einen Seite steht der locker flockig geschriebene Hit des Wirtschaftswissenschaftlers und des Journalisten, die wieder einmal das Funktionieren alltäglicher Phänomene nach den (universellen Natur-)Gesetzen der Wirtschaft erklären. Auf der anderen Seite eine wissenschaftliche Arbeit mit Manifest-Charakter von einem Psychologen und einer Theologin/Philosophin, die den Ursachen und Wirkungsmechanismen von Armut nachgehen.

Diese Bücher direkt hintereinander zu lesen, könnte einigen Spielraum für die Schere im Kopf eröffnen, die immer dann laut zu klappern beginnt, wenn man zwei wohl argumentierte und plausible Erklärungen präsentiert bekommt, die einander mehr oder weniger offen widersprechen. All zu viel Klappern war aber – zu meiner Überraschung – nicht zu hören.

Ich gebe es gerne zu, “Super Freakonomics” ließ sich lesen wie sich ein gut gekühlter Radler (Panaché) an einem heißen Sommerabend trinken lässt. Im Vergleich dazu gestaltete sich der Genuß der ersten drei Kapitel von “Es reicht! Für alle!” ungefähr so wie der von 100g echtem Kakao – in Pulverform! (Kinder, probiert das bloß nie selbst aus!)

Dennoch hat auch das gelbe Buch – nach anfänglichen Mühen – so einige Perlen zu bieten, zumal die Sprache ab dem vierten Kapitel an Fahrt aufnimmt und sich das Ganze ab Kapitel 6 sogar richtig flüssig lesen lässt. Wer auf der Suche nach einem umfassenden Kompendium rund um das Thema Armut ist, kann hier fündig werden – und sich anhand der zahllosen Quellenangaben genügend Lesestoff für sämtliche verregneten August- und Novemberwochenenden bis schätzungsweise 2057 besorgen.

Wie es sich für eine wissenschaftliche Arbeit gehört, wird zuerst der Armutsbegriff (in jeder Hinsicht) erschöpfend definiert, um anschließend – stets mit Quellen untermauert – verschiedene Ursachen und Wirkungsmechanismen zu erklären. Wie es sich für ein Manifest gehört, steht am Ende jedes Kapitels dann eine Zusammenfassung von “Forderungen” unter dem Titel “Damit es für alle reicht. Was wir tun können”. Schön. Aber auch schön naiv.

Hier nämlich sehe ich die Schwachstelle dieser Arbeit. Die Vorschläge und Forderungen bleiben stets vage und lassen es prinzipiell an Gründen fehlen, warum jemand diesen Forderungen nachkommen sollte. Hier möchte ich nämlich der Grundaussage der “Freakonomics”-Bücher (ja, ich habe beide gelesen) weitaus eher glauben. Menschen tun Dinge, weil sie sich etwas davon versprechen. Das mag nicht immer ein so einfaches Reiz-Reaktions-Schema sein, wie es uns die Hohepriester der Heiligen Marktwirtschaft unterstellen, Eigenschaften wie inhärenten Altruismus aber möchte ich den Menschen nicht zugestehen. Dazu ein Beispiel aus “Super Freakonomics” (wie immer sinnstörend zusammengefasst):

In den 1980er Jahren geriet die These vom Homo oeconomucus ins Wanken, als einige Laborexperimente von Wirschaftswissenschaftlern verwirrende Ergebnisse zeigten. Zwei dieser Experimente hießen “Ultimatum” und “Diktator”. Bei Ultimatum werden zwei einander anonymen Spielern in die Regeln erklärt – und die sind so: Spieler A erhält 20€ und muss Spieler B einen Teil dieser Summe anbieten. Nimmt Spieler B diese Summe an, darf A den Rest behalten, lehnt B ab, verliert auch A sein Geld.

Würden nun zwei Wirtschaftsexperten dieses Spiel spielen (in diesem Fall stellen wir uns vor, es ginge um 20 Millionen €), so würde Spieler A dem Spieler B eine Summe von einem Cent anbieten und B würde diese Summe akzeptieren, da er immer noch einen Cent verdient hätte. Reale Menschen aber lehnten überwiegend Summen unter 3€ ab, offenbar weil sie von dem geizigen Angebot beschämt waren und sich dementsprechend rächen wollten. Interessanterweise boten aber die meisten A-Spieler über 6€ an. Die Ökonomen schlossen daraus, dass die Spielteilnehmer entweder altruistisch waren oder darauf bedacht, auf Nummer Sicher zu gehen, damit sie nicht um ihre 14€ umfielen. Um die Frage “Altruismus oder Gier” zu klären, wurde dann “Diktator” gespielt.

Bei “Diktator” konnte nur Spieler A entscheiden – und zwar zwischen zwei Optionen: (1) Beide Spieler bekommen 10€ oder (2) A behält 18€ und B bekommt 2€. Nun, das Ergebnis war mehr als überraschend. Entgegen allen Erwartungen teilten über 75% der Versuchsteilnehmer das Geld zu gleichen Teilen. Sind also Menschen wirklich von Natur aus altruistisch?

Levitt & Dubner dokumentieren auch einige andere, noch raffiniertere Experimente, die allesamt diese Hypothese stützten. Als gelernter Naturwissenschaftler weiß ich natürlich auch, wie enorm wichtig es für die Durchführung eines Experiments ist, schon vorher zu wissen, was dabei herauskommen soll. Es dauerte bis in dieses Jahrtausend, dass der Ökonom John A. List die Theorie des genuin altruistischen Menschen vom Kopf auf die Füße stellte. Was die Forscher vor ihm nicht beachtet hatten, war ein Effekt, der jedem Naturwissenschaftler bekannt ist. Sie waren einer makroskopischen Manifestation des Heisenberg-Efekts aufgesessen: “Die Beobachtung beeinflusst das Experiment.”

List wiederholte ein “Diktator”-ähnliches Experiment zwei mal. Einmal fand es unter Laborbedingungen unter Beobachtung durch die Forscher statt, ein anderes Mal auf einer Messe für Baseball-Sammelkarten, wo sich die Teilnehmer unbeobachtet wähnten. Wenig überraschend zeigten die Laborexperimente das hinreichend bekannte Bild vom guten Menschen. Die Beobachtungen in freier Wildbahn aber zeigten ein gänzlich anderes Bild. Es wurde geschoben, betrogen und fleißig über den Tisch gezogen. Na also – q.e.d.

Sagt uns das, dass alle Menschen Arschlöcher sind? Natürlich. Aber nicht nur das. Man kann daraus auch lernen (und hier kommt der Bogen zurück zu dem anderen Buch), dass Menschen durchaus abstrakte und immaterielle Motive für ihr Handeln haben. Die Teilnehmer bei den Laborexperimenten wollten einfach vor den Wissenschaftlern ein gutes Außenbild von sich zeigen und waren bereit, dafür sogar Geld zu opfern.

Für die Forderungen aus “Es reicht! Für alle!” heißt dies, dass es naiv ist, darauf zu hoffen, dass diese einfach umgesetzt werden, weil sie vernünftig, sozial, gemeinnützig und gut sind. Armut wird politisch nicht beseitigt werden, so lange die Armutsbetroffenen kein politisches Risiko und keine Macht darstellen. Wie man aktuell am Beispiel von David Cameron erkennen kann, ist es derzeit wesentlich einfacher und wirkungsvoller, die Armen anstatt der Armut zu bekämpfen.

Dass es überhaupt Menschen gibt, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen ist IMHO deren Streben nach einem guten Selbstbild geschuldet. Daran ist nicht nur nichts auszusetzen, darin liegt vielleicht ein möglicher Weg, die öffentliche Diskussion in die “richtige” Richtung zu bringen. Vor das Fordern muss ein Prozess der Information, der Bewusstmachung treten, der den Armutsbetroffenen überhaupt erst den politischen Hebel in die Hand gibt, fordern zu können – denn erst dann werden Politiker ein Interesse haben, sich um deren Belange zu kümmern.

In diesem Zusammenhang ist auch das scheinbar zusammenhangslose Bild der Kampagne “Risiko Raus” weiter oben zu sehen. Diese Kinderzeichnung – überall auf süddeutschen Autobahnen zu sehen – hat mich mehr schockiert und angesprochen als die ganzen plakativen Bilder mit zerstörten Autos, zerstörten Menschen und zerstörten Familien. Oft ist es wirklich so einfach – die passende Assoziation genügt für einen durchschlagenden Effekt. Wahrscheinlich genügt es auch, Empathie für die echten Menschen hinter dem Begriff Armut zu wecken und diese als positive Eigenschaft zu positionieren, dann ergeben sich viele Synergien schon fast von selbst.

Und zumindest in dieser Hinsicht leistet das Buch schon gute Arbeit.

/cbx, Kategorie: Hartz-IV Tagebuch - Rant & Grant

 

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