Suchtkranke auf Entzug

10.09.2011 13:31 von /cbx, derzeit 2.47175 Kommentare

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Mein Gott, wie lächerlich, all diese jungen Menschen, die in panische Katatonie verfallen, sobald sie für mehr als 10 Minuten keinen Zugang zu Facebook oder – Gott bewahre – kein Handy haben!

Diesen Satz muss ich jetzt kurz sacken lassen. Zwei mal ein Fabelwesen und eine pauschalierende Herabwürdigung der jüngeren Generation in einem Satz. Das muss wohl daran liegen, dass ich selbst gerade haarscharf an panischer Katatonie vorbeischramme. Der Grund? “Bonaire antwortet nicht!”

Ich meine natürlich nicht die Karibikinsel deren Schicksal mir reichlich weit am Arsch vorbei geht, ich meine unseren Server bonaire, der im Gschäft in Bühl steht und dort von Mail über Bugtracking, Wiki bis zur Videoüberwachung so gut wie alles managt. Diesen Server kann ich jetzt nicht erreichen und diese Blindheit lässt mich sehr unentspannt werden – weil ich selbst schuld bin.

Es begann am Donnerstag gegen 19:00 Uhr, als die DSL-Verbindung ausfiel und sich nicht mehr aufbauen ließ. Da dachte ich noch an einen gewöhnlichen Telekom-Schluckauf, der bis zum folgenden Morgen schon verschwinden würde. Doch weit gefehlt. Auch am Freitag um 06:45 war keine Verbindung ins Internet zu bekommen. Über unseren teuren Notnagel für Notfälle (ARCOR ISDN by call) holte ich von unserem Server dominica die anstehenden Mails und vom Heise iMonitor eine Auskunft, ob es sich dabei um ein größeres Problem handelte. Dem war nicht so.

Also versuchte ich, über die eigens dafür vorgesehene Seite der Telekom eine Störung zu melden. Die Seite riet mir, es später noch einmal zu versuchen, da der Dienst gerade gestört sei. Na bravo.

Als gegen 9:00 Uhr die Online-Störungsmeldung immer noch “gestört” war, entschloss ich mich, die 0800-Servicenummer zu wählen und richtete mich dafür mit Kaffee und Lebkuchen auf eine längere Wartezeit ein. Nach einer 60-sekündigen Ansage und den von mir barsch in den Hörer gebellten Worten “Störung”, “ja” und “ja” dauerte es geschlagene 45 Sekunden, bis sich ein freundlicher lebender Mensch mit leicht östelndem Akzent meldete. Ich hätte mich beinahe an meinen Lebkuchen verschluckt!

Ich erklärte mein Problem (DSL ist synchronisiert, aber die PPPoE-discovery läuft in einen Timeout) und er warf einen kompetenten Blick ins System. Nach einer Minute teile er mir wenig überraschend mit, dass das Modem funktioniere und die DSL-Verbinding stünde (→“Ach!”). Ich wiederholte, dass ich das wisse und nur die PPPoE-discovery nicht ginge, worauf er mir den Anruf eines Technikers versprach.

Aus meinen bisherigen Erfahrungen mit der Telekom schloss ich, dass dies sicher für einige Stunden das letzte gewesen sein dürfte, was ich von der Telekom hören würde. Deshalb entsann ich mich meines USB-UMTS-Sticks, der mir für gewöhnlich das abendliche Bloggen in meiner Wohnhöhle gestattet. Wenn ich diesen in den eee-PC steckte und den eee-PC dann prominent ins Fenster am anderen Ende der Halle positionierte, dann konnte man damit eine HSPA-Verbindung herstellen. All mein über die Jahre angesammeltes solides Halbwissen in die Waagschale werfend baute ich eine absolut abenteuerliche Konstruktion aus zwei NAT-Routern und einem zweiten IP-Netz im Hallen-LAN, die schlussendlich dazu führte, dass ich wirklich die ganze Firma über die UMTS-Verbindung des Netbooks online brachte.

Damit wären die Probleme beinahe gelöst gewesen – wenn man via UMTS denn richtiges Internet bekäme. Dem ist aber nicht so. Mobiles Internet ist auf so viele Arten begrenzt, dass es eigentlich nur als oberflächliche Internet-Simulation beworben und verkauft werden dürfte. Ich möchte dabei gar nicht darauf eingehen, dass die Betreiber den Verkehr auf diversen Ports nach eigenem Gutdünken bis zur Unbrauchbarkeit drosseln (→Skype,VoIP…) und die so genannte Flatrate nach einem Gigabyte plötzlich doch keine mehr ist. Für mich ist es weitaus schlimmer, dass sämtliche Verbindungen über einen NAT-Router beim Provider laufen und die so “mit dem Internet verbundenen” Rechner aus dem Internet nicht erreichbar sind – eine klassische Einbahnstraße.

Das war nun echt blöd, weil damit eine Zustellung der Mails von dominica an bonaire nicht möglich war. Nur durch einen erstklassigen Hack meines Kollegen Thorsten gelang es, die Mailzustellung durch einen SSH-Tunnel sicherzustellen. Ich atmete kurz auf und richtete mich auf eine mehrstündige Wartezeit ein. Doch schon gegen 11:30 rief ein ebenfalls freundlicher Telekom-Techniker an und teilte mir mit, er habe einen line reset veranlasst und nun müsse alles wieder klappen. Ich meinte, das müsse ich erst testen, dazu aber mein geniales Provisorium wieder abbauen, was einige Minuten dauern könne. Zu meiner Überraschung bot er freiwillig an, sich in einer Stunde wieder zu melden.

Und das war dann auch gut so, denn an dem Problem hatte sich – ganz nach meiner Erwartung – nichts geändert. Als er wirklich um 12:28 wieder anrief, entspann sich folgender Dialog:

Ich: “Schön, dass Sie wieder anrufen. Es geht leider immer noch nicht”
Er: “Oh. Die Leitung war aber nach dem line reset in Ordnung”
Ich: “Naja, die war auch vorher schon OK. Es geht um den PADI/PADO Timeout”
Er: “Oh. Das ist PPPoE, nicht?”
[endlich hatte er es begriffen!]
Ich: “Ja. Von Anfang an”
Er: “Das ist schlecht. Ganz Schlecht. Sehr schlecht sogar”
Ich: “Inwiefern?”
Er: “Das ist sehr schlecht. Da muss ich Sie an einen Techniker der nächsten Ebene weitergeben…”
Ich: “Ich bitte darum”
Er: “Ich sorge dafür, dass sich so schnell wie möglich jemand bei Ihnen meldet.”

Und auf diese Meldung habe ich dann bis 18:30 gewartet. Dann bin ich nach Hause gefahren. Vorher hatte ich noch einen Tunnel zu meinem Backup-Server zu Hause aufgebaut, um von dort aus über die UMTS-Verbindung nach dem Rechten zu sehen. Allein – als ich dort nach anderthalb Stunden Fahrt mit einigen neuen Ideen ankam, war der Tunnel verschwunden – und ich hatte vergessen, ein Skript zu beauftragen, diesen Tunnel wieder aufzubauen. So muss ich jetzt tatenlos ausharren, bis ich am Montag gegen 07:00 Uhr wieder vor Ort bin.

Um diese Tatenlosigkeit nicht zu unerträglich werden zu lassen, fahre ich jetzt mit meinem Zentralgestirn per Eisenbahn nach Heilbronn, um dort auf dem Weindorf den Wein des Vergessens zu trinken…

/cbx, Kategorie: Linux LeidenSchaf(f)t - Rant & Grant

 

Eigener Senf dazu?

  1. c17h19no3 gab am 12. September 2011, 22:20 folgenden Senf dazu:

    das macht alice auch gern: absaufen und nicht mehr auftauchen. aber da es ein billigtarif ist, sorg ich mich nicht. nach einem halben tag geht es wieder und zwischendurch produziere ich mit den alice surfstick eben eine telefonrechnung jenseits der 50 öken. ich habs ja auch! ;)

    /cbx meint dazu:

    Ja, kennen wir das nicht alle? Hier "geht" es inzwischen ja auch wieder. Mit sensationellen 1MBit! Ich habe den maximalen 1998-Flashback (wenn man davon absieht, dass die damaligen Webseiten mit einer Bandbreite von 1MBit noch in endlicher Zeit zu laden waren)!

    Mein privater Surfstick hat eine "Flatrate", sodass die Rechnung hoffentlich keine Überraschungen birgt. Ich allerdings darf demnächst bis Monatsende mit 64kbit/s bloggen...

  2. ernst gab am 19. September 2011, 00:27 folgenden Senf dazu:

    Zum Thema T… fällt mir nur ein: Schlechten Service gibts anderswo billiger.
    Nichtsdesowenigertrotz sei zur Ehrenrettung der Telekomiker gesagt, dass sie lt. Chip die beste UMTS-Abdeckung bieten, vor Vodafone, übrigens O-Tuh weit abgeschlagen. – Ich bilde mir ja immer noch ein, dass (technische) Qualität eben ihren Preis hat, wogegen billiger Mist auch geschenkt noch zu teuer ist.
    Interessant zu erfahren, dass in puncto LAN-Anbindung UMTS wider Erwarten eben nicht den DSL-Draht ersetzt – es sei denn man verfügt wie Amadyne über ein derart geniales Tunnelsystem.

    /cbx meint dazu:

    Das mag jetzt komisch klingen, aber ich bin recht zufrieden mit der Telekom. Hier im Industriegebiet bietet uns kein Anbieter - wenn man nur ernsthaft nachhakt - mehr als 2MBit an. Scheiß-Infrastruktur hier.

    Und UMTS ist nicht einmal primär wegen des impliziten NAT-Routings unbrauchbar, sondern hauptsächlich wegen der lächerlichen Freivolumen, die in den üblichen "Flatrates" inkludiert sind.

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